Die Insel des Magiers
Rezension von Rapahel Zens

Der "Ostenard - Zyklus" und die "Otherland - Reihe" sind wohl Tad Williams erfolgreichste und bekannteste Buchreihen. Neben diesen Mammut - Werken von jeweils 4 Büchern, mit je 500 bis 1000 Seiten, schreibt der amerikanische Fantasy / Science Fiction - Autor aber auch immer mal wieder kleinere und überschaubarere Geschichten mit literarischen Quellen. "Die Insel des Magiers", die kürzlich im Klett-Cotta - Verlag neu aufgelegt wurde, ist eine solche Geschichte, und ein kleiner aber feiner Beweis für die erzählerischen Fähigkeiten dieses Mannes. "Die Insel des Magiers" basiert auf "Der Sturm", einer Erzählung von keinem Geringeren verfasst, als William Shakespeare persönlich. Dies bedeutet aber nicht, dass man "Der Sturm" gelesen haben muss (ich habe es nicht), um Tad Williams Mini - Roman zu verstehen. Tatsächlich hat sich der Autor auch lediglich eine bestimmte Figur der Erzählung vorgenommen, um ihr einen recht tragischen, aber umso faszinierenderen Hintergrund zu verpassen.

"Die Insel des Magiers" erzählt die Geschichte des jungen Kaliban, der seine gesamte Kindheit auf einer einsamen Insel, nur in Gesellschaft seiner stummen Mutter verbracht hat, bis diese an einer Fischgräte erstickte. Zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter betreten der von seinem eigenen Bruder verratene und entmachtete Zauberer Prospero und seine junge Tochter Miranda die Insel. Prospero war Herrscher von Neapel, und obwohl seine Gedanken um Rückkehr und Rache kreisen, ist er doch bereit sich vorläufig mit seiner Situation abzufinden und sich auf Kalibans kleiner Insel eine neue Existenz aufzubauen. Schon kurz nach seiner Entdeckung beginnt Prospero den jungen Kaliban anzulocken und nach und nach sein Vertrauen zu gewinnen. Kaliban lernt von Prospero was dieser ihn zu lehren bereit ist: Wie man mit einfachen Werkzeugen umgeht, wie man sich gegenüber seinem Herrn zu verhalten hat und wie man spricht - und lügt. Prosperos anfangs väterlich scheinende Fürsorge schlägt bald um. Aus Gefälligkeit wird Gewohnheit, aus Gewohnheit Pflicht und aus der Pflicht schließlich eine Zwangsarbeit, die bei unzufriedenstellender Ausführung harte Strafen nach sich zieht. Mehr und mehr beginnt Kaliban zu realisieren, dass er sich in einen Sklaven verwandelt, und innerlich rebelliert gegen diese Ausbeutung. Doch mit zunehmenden Alter erwacht auch sein Interesse an Prosperos Tochter Miranda, die sich von einem kleinen Mädchen in eine atraktive junge Frau verwandelt. Und so nimmt Kaliban jede Qual und jede Demütigung auf sich, nur um weiter in der Nähe seiner geliebten Miranda bleiben zu können. Doch als der junge Wilde, wie ihn sein neuer Herr zu nennen pflegt, Miranda schließlich zu nahe kommt, erfährt er einen bösen Verrat...

Es ist Kaliban selbst, der diese Geschichte erzählt. Er erzählt sie Prosperos Tochter Miranda, fünfundzwanzig Jahre nachdem er sie als kleines Mädchen kennen gelernt hat. Miranda ist jetzt Königin von Neapel, sie ist lange schon verheiratet und hat selbst drei Kinder. Kaliban ist gekommen um sie zu töten. Aber vorher soll sie seine ganze Leidensgeschichte erfahren, was ihr Vater ihm angetan und wie sie selbst ihn missbraucht und verraten hat.

Lange habe ich mich gefragt, ob dieses Buch wirklich ein Fantasy - Roman ist. Hierbei kann man natürlich wieder trefflich darüber streiten, was denn einen Fantasy - Roman überhaupt ausmacht, welche Kriterien ein Buch zu erfüllen hat, um zur Fantasy erhoben oder als solche gebrandmarkt zu werden. Hat Shakespeare nicht letztendlich auch eine Menge Fantasy geschrieben (wenn auch keine Romane)? Dennoch würde man ihn in einer Buchhandlung vergeblich neben Tolkiens "Herr der Ringe" oder eben Tad Williams "Osten Ard" suchen. Überhaupt ist es doch völlig vermessen, einen Tad Williams mit einem William Shakespeare zu vergleichen - oder? Nun ja, Tatsache ist, dass ich mich viele Seiten lang gefragt habe, ob in dieser Geschichte irgendetwas Magisches geschieht (von der Magie der Worte einmal abgesehen), irgendetwas das offensichtlich nicht ganz realitätsbezogen ist. Und dem ist so, wie ich schließlich feststellte. Prospero ist tatsächlich ein Zauberer und kein Scharlatan, und Kalibans Mutter war auch tatsächlich eine Hexe und kein einfaches Kräuterweiblein, das ein paar Gifte und Liebestränke zusammenbraute. Allerdings bleibt die Magie lange Zeit im Hintergrund und war für mich nicht von gewagter Alchemie und früher Wissenschaft zu unterscheiden. Erst mit der Befreiung des teuflischen kleinen Ariel, wurde diese Frage eindeutig geklärt. Ariel ist ein Dämon, ein Geist, ein gefallener Engel oder ein Kind Lord Oberons. Eine äußerlich vage menschenähnliche Gestalt, die auch gut in Shakespeare Mitsommernachtstraum gepasst hätte. Dennoch erzählt die Geschichte in erster Linie nur von Kaliban, der fern von jeder Zivilisation aufgewachsen ist und mehr wie ein Tier lebte. Damit lebte er jedoch auch fern von Lügen und Heuchelei, von Betrug und Verrat. Am Ende verdammt er Prosperos Geschenk der Sprache und trauert dem nach, was Prospero ihn mit seinen Gaben weggenommen hat.

Kurz und gut, würde als Beschreibung zu dieser Geschichte passen, wäre die Formulierung nicht zu schlicht und das Wort gut etwas unzureichend. Denn die Geschichte ist wirklich ein kleines Juwel. Mit 200 Seiten erscheint "Die Insel des Magier", oder "Caliban´s hour", dem zutreffenderem Original zufolge, natürlich winzig für einen Autor, der normalerweise Geschichten mit Tausenden von Seiten und über mehrere Bücher hinweg schreibt. Auf der anderen Seite hat diese vergleichsweise kleine Geschichte aber auch nur eine sehr geringe Angriffsfläche, oder anders gesagt: Hier stimmt einfach alles. Die Charakterisierung der Figuren, die Beschreibung der Orte, die im positiven Sinne gemächliche Handlung und vor allem die wunderschöne Sprache. Zugegeben, eine übersetzte Sprache, die aber dennoch ein Gefühl von Tad Williams sprachlichen Talent vermittelt.

Fazit: Es ist schon eine bemerkenswerte kleine Geschichte, die Tad Williams hier geschrieben hat. Eine Geschichte, die zwar so recht keine Helden und keine Schurken kennt, dafür aber ein umso bemitleidenswerteres Opfer: nämlich den missbrauchten, verratenen und schließlich verkrüppelten Kaliban. Einer Gestalt der man am überraschenden Ende des Romans wirklich alles Gute wünscht, so dass er vielleicht doch noch seinen Frieden und sein Glück finden wird.

P.S.: Kaliban glaubt, dass unsere Sprache, die er einst so begierig angenommen hat, voller Lügen sei. Offenbar fühlte sich der Übersetzer des Buches genötigt ihm Recht zu geben. Obwohl er nämlich zwischen den Buchseiten wirklich alles richtig gemacht hat, passiert ihn im Titel genau dasselbe, was Prospero vorsätzlich tut: Er nimmt Kaliban seine Insel weg und macht Prospero auch noch zur Hauptfigur. Die Insel gehört, wenn sie überhaupt jemanden gehört, nämlich Kaliban. Es ist seine Insel, und es würde der Geschichte nur gerecht werden, wenn dieser Umstand nicht schon im Titel verfälscht würde.