Leseprobe
Tief in seinen Mantel geduckt hockte Isgrimnur im Bug des kleinen Bootes und sah dem untersetzten Sinteris beim Rudern und Jammern zu. Der Herzog zeigte eine Miene verbissener Geistesabwesenheit, teil, weil er die Gesellschaft des Bootsbesitzers äußerst widerwärtig fand, hauptsächlich aber, weil ihm selbst alle Boote zutiefst verhasst waren, besonders so kleine wie das, in dem er zur Zeit gefangen war. In einem Punkt hatte Sinertris allerdings die Wahrheit gesagt: Es war wirklich kein Wetter für Schiffsreisen. Ein gewaltiger Sturm fegte über die gesamte Länge der Küste. Die aufgewühlten Wogen der Bucht von Firannons drohten ständig, das Boot zum Kentern zu bringen, und Sinetris hatte nicht aufgehört zu stöhnen, seit ihr Fahrzeug vor einer Woche, gut dreißig Meilen weiter nördlich, zum ersten Mal das Wasser berührt hatte.
Der Herzog musste zugeben, dass Sinteris ein geschickter Boostführer war, zumindest wenn es um sein eigens Leben ging. Unter widrigsten Bedingungen hatte der Mann aus Nabban seine Nussschale vorangebracht.
„Wie weit noch nach Kwantiupul?“ brüllte er durch den Lärm von Wind und Wellen.
„Einen halben Tag, Meister Mönch!“ schrie Sinetris zurück. Seine Augen waren gerötet und tränten. „Wir werden bald Rast machen und schlafen, dann können wir morgen Mittag da sein.“
„Schlafen!“ donnerte Isgrimnur. „Bist du verrückt? Es ist ja noch nicht einmal dunkel! Außerdem wirst du dann nur wieder versuchen, dich heimlich davonzustehlen, und dieses Mal werde ich nicht mehr so barmherzig sein. Wenn du mit dem albernen Selbstmitleid aufhörst und ordentlich arbeitest, kannst du heute Nacht in einem Bett schlafen.“
„Bitte, heiliger Bruder!“ Sinetris kreischte fast. „Zwingt mich nicht, im Finstern zu rudern! Wir werden auf ein Riff laufen! Unsere einzigen Betten werden unten bei den Kilpa stehen!“
„Verschone mich mit diesem abergläubischen Unsinn. Ich bezahle dich gut und habe es eilig. Wenn du zu schwach bist oder dir die Hände wehtun, kann ich ja eine Weile die Paddel nehmen.“
„Ihr! Ihr hättet uns in einer Minute unter Wasser! Nein, grausamer Mönch, wenn Sinetris sich von seiner Heimat und dem Schoß seiner Familie losreißen und den Launen eines Ungeheuers im Priestergewand zum Opfer fallen, wenn er denn sterben muss – dann als Mann seiner Gilde!“.
Isgrimnur stöhnte. „Dann mit geschlossenem Mund – zur Abwechslung. Und vergiss das Paddeln nicht.“
„Rudern“, versetzte Sinetris eisig und brach von neuem in Tränen aus.
Es war nach Mitternacht, als die ersten Pfahlbauten von Kwantiupul in Sicht kamen. Sinetris, dessen Gejammer zu einem lesen Gemurmel des Sich-Bedauerns herabgesunken war, lenkte das Boot vorsichtig in das ausgedehnte Netz der Kanäle. Isgrimnur hatte ein wenig geschlafen. Jetzt rieb er sich die Augen und reckte den Hals nach allen Seiten. Auf sämtlichen schäbigen Lagerhäusern und Herbergen von Kwantiupul lag eine dünne Schneeschicht.
Wenn ich noch daran gezweifelt hätte, dass die Welt auf dem Kopf steht, dachte Isgrimnur benommen, dann brauche ich keinen weiteren Beweis: ein Rimmersmann, der bei Sturm in einem lecken Boot aufs Meer hinausfährt, und Schnee im Südland mitten im Hochsommer. Kann noch jemand nicht glauben, dass die Welt wahnsinnig geworden ist?
„Kennst du hier einen Gasthof, den man Pelipas Schüssel nennt? fragte er laut. „Ich glaube, es ist eine Herberge.
„Diesen Namen habe ich nie gehört, Meister Mönch“, erwiderte Sinetris förmlich. „Er kling nach einem Haus minderer Güte, in dem Sinetris sich niemals sehen lassen würde.“ Nachdem sie in die vergleichsweise stillen Gewässer der Kanäle gelangt waren, hatte der Boostsführer einen Großteils seiner würde zurückgewonnen. Isgrimnur fand, dass er ihm besser gefiel, wenn er jammerte.
„Beim Baum, nachts werden wir es ohnehin nicht finden. Bring mich zu irgendeiner Herberge, die du kennst. Ich brauche unbedingt was zwischen den Rippen.“ „Das hier ist eine vorzügliche Herberge, heiliger Bruder“, erklärte Sinetris, während sie auf die Landetreppe eines hellerleuchteten Gasthofs zuglitten. „Dort gib es Wein und Speisen.“ Sinetris, jetzt, da die Reise überstanden war, voller Kühnheit, schenkte Isgrimnur ein kameradschaftliches, zahnlückiges Lächeln. „Und Frauen.“ Als er Isgrimnur Gesicht sah, wurde das Lächeln unsicher. „Äh... oder Knaben, falls euch das besser zusagt.“
Der Herzog stieß tief und zischt den Atem aus. Er griff in den Mantel und zog einen Gold-Imperator hervor, der er sanft neben Sinetris dürres Bein auf die Ruderbank legte. Dann trat er auf die unterstete Stufe. "Hier liegt deine Diebesbeute von Bezahlung wie ich es versprochen habe. Und dazu habe ich noch einen Vorschlag, wie du deine Abend verbringen solltest."
Sinetris beäugte ihn wachsam. "Nämlich?"
Isgrimnur zog seine Brauen zu einem drohenden Strich zusammen. "Verbringe ihn damit, dein Alleräußerstes zu tun, damit ich dich nicht wieder sehe.
Den wenn das der Fall sein sollte", er hob die behaarte Faust, "dann lasse ich dich dir die Augäpfel in deinem Spitzkopf herumrollen bis Glaskugeln. Verstanden?"
Sofort lies Sinetris die Ruderblätter sinken und stemmte das Boot zurück. Isgrimnur musste hastig den anderen Fuß auf die Treppe setzen. "So also behandelt ihr Mönche einen Mann wie Sinetris, der Euch das Letzte gegeben hat?" fragte der Bootsführer empört und blähte die magere Brust wie ein balzender Täuber. "Kein Wunder, dass der Ruf der Kirche so schlecht geworden ist. Bärtiger Barbar!" Laut spritzend ruderte er den dunklen Kanal hinunter.
Isgrimnur lachte roh und stapfte die Stufen zur Herberge hinauf.
Nach einer Reihe von unruhigen Nächten im Grasland - Nächten, in denen er scharf auf den verräterischen Sinetris hatte aufpassen müssen, der mehrfach versucht hatte, sich davonzuschleichen und Rückzulassen -, schlief der Herzog von Elvritshalla sich ersteinmal richtig aus. Er blieb im Bett liegen, bis die Sonne hoch am Himmel stand, und frühstückte dann mit einer Männerportion Brot und Honig, heruntergespült mit einem ordentlichen Humpen Bier. Es war fast Mittag, bis er sich vom Wir der Herberge den Weg zu Pelipas Schüssel erklären ließ und sich wieder auf dei verregneten Kanäle wagte. Diesmal führte ein Wranna das Boote. Trotz des beißenden Windes trug er nur ein Lendentuch und einen breitrandigen Hut, von dessen Band eine rote, durchnässte Feder herunterhing. Sein verdrossenes Schweigen war gegenüber Sinetris unablässigem Gequengel eine willkommene Abwechslung. Isgrimnur lehnte zurück, um seinen frischgewachsenen Bart zu streichen und die durchweichten Sehenswürdigkeiten von Kwantiupul zu genießen, einer Stadt, in der er viele Jahren nicht mehr gewesen war.
Hier und da unter spärlichen Menge erkannte Isgrimnur kleine Gruppen von Feuertänzern, jenen verrückten Seetieren, die durch ihre Selbstopferung berüchtigt waren. Seit seiner ersten Ankunft in Nabban war dem Herzog ihr Anblick vertraut. Die wildblickenden Büßer standen, unbekümmert um die Kälte, an belebten Kanalkreuzungen und verkündeten laut schreiend das Lob ihres dunklen Herrn, des Sturmkönigs. Isgrimnur fragte sich, woher sie den Namen hatten. Früher hatte man ihn nie südlich der Frostmark gehört, nicht einmal in Gruselgeschichten für Kinder. Er wusste, dass hier kein Zufall vorlag, aber trotzdem ließ ihn die Frage nicht los, ob diese vermummten Wahnsinnigen vielleicht doch im Sold von Leuten wie etwa Pryrates standen, oder ob es sich bei ihnen um echte Visionäre handelte. Im letzteren Fall mochte Das Ende, dass sie voraussahen, durchaus zutreffen.
Isgrimnur schauderte bei dem Gedanken und schlug einen Baum auf seiner Brust. Schwarze Zeiten waren das. Übrigens schienen die Feuertänzer heute bei allem Geschrei auf ihr bekanntes Kunststück, sich selbst in Brand zu stecken, verzichten zu wollen. Der Herzog lächelte bissig. Vielleicht war es ein bisschen zu feucht dafür.

Endlich hielt der Bootsmann vor einem wenig vertrauenserweckenden Gebäude im Lagerhausviertel, weit entfernt von den wichtigsten Handelsplätzen. Als Isgrimnur bezahlt hatte, nahm der kleine dunkle Mann seinen Bootshaken und zog die Strickleiter vom Landungssteg herunter. Der Herzog hatte noch nicht die Hälfte der schaukelnden Sprossen hinter sich gebracht, als der Bootsmann auch schon gewendet hatte und in einem Seitenkanal verschwunden war.
Pustend und den eigenen dicken Bauch verwünschend kam Isgrimnur endlich doch auf den zuverlässigen Planken des Docks an. Er pochte an die verwitterte Tür und wartete dann lange Zeit im eisigen Regen, ohne das sich etwas rührte. Dabei wurde er zunehmend ärgerlich. Schließlich schwang die Tür auf. Eine unfreundlich blickende Frau in mittleren Jahren wurde sichtbar
"Ich weiß nicht, wo der Trottel steckt", erklärte sie Isgrimnur, als ob er danach gefragt hätte. "Nicht genug, dass ich hier so gut wie alles erledigen muss, soll ich nun auch noch die Tür öffnen."
Einen Moment lang war der Herzog so verdutzt, dass er sich um ein Haar entschuldigte hätte. Er kämpfte mit dem spontanen Dran, ritterliches Benehmen zu zeigen, und meinte dann: " Ich möchte ein Zimmer."
Nun, dann kommt herein", erwiderte die Frau nicht ohne Bedenken und hielt die Tür weiter auf. Dahinter lag eine wackliges Bootshaus, das nach Teer und altem Fisch stank. Ein paar Bootsrümpfe waren aufgebahrt wie in der Schlacht Gefallene. In einer Ecke ragte aus einem Deckenhaufen ein brauner Arm. Sekundenlang glaubte Isgrimnur an einen Leichnam, den man achtlos dorthin geworfen hatte, dann aber rührte sich der Arm, zog die Decken enger an sich, und Isgrimnur merkte, dass es sich nur um einen Schläfer handelte. Ihm kam eine plötzliche trübe Ahnung, dass das Quartier hier nicht unbedingt den höchsten Anforderungen entsprach. Er unterdrückte jedoch den Gedanken.
Du wirst langsam pingelig, Alter, schalt er sich, Auf dem Schlachtfeld hast du in Schlamm, Blut und Stechfliegennestern geschlafen. Aber, ermahnte er sich, du hast einen Auftrag. Deine eigen Bequemlichkeit kommt erst an zweiter Stelle.
"Übrigens", rief er hinter der Wirtin her, die mit energischen Schritten fast schon den Hof überquert hatte, "ich suche jemanden." Plötzlich fiel ihm der Name nicht mehr ein, den Dinivan ihm gesagt hatte. Er bliebt stehen, fuhr sich mit den Fingern durch den nassen Bart und erinnerte sich dann doch wieder. "Tiamak. Ich suche Tiamak."
Als die Frau sich umdrehte, war ihre mürrische Miene einem Ausdruck gieriger Freude gewichen. "Ihr?" fragte sie. "Ihr seid der Mann mit dem Gold?" Sie öffnete weit die Arme, als wollte sie ihn umschlingen. Obwohl ein Dutzend Ellen ihn von ihr trennten, trat der Herzog entsetzt einen Schritt zurück. Das Deckenbündel in der Ecke begann zu wimmeln wie ein Ferkelnest und fiel dann zur Seite. Ein kleiner und sehr dünner Wranna, die Augen vom Schlaf noch halb geschlossen, kam zum Vorschein.
"Ich bin Tiamak", sagte er und versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Beim Anblick Isgrimnurs schien Enttäuschung auf sein Gesicht zu treten, als hab er etwas Besseres erwartet. Der Herzog merkte, dass er wieder ärgerlich wurde. Waren die Leute denn alle verrückt? Für wen hielten sie sich eigentlich, und was erwarteten sie von ihm?
"Ich bringe euch Nachrichten", begann Isgrimnur steif und wusste nicht recht, wie er fortfahren sollte. "Aber wir wollen uns lieber unter vier Augen unterhalten."
"Ich werde euch Euer Zimmer zeigen", fiel die Frau hastig ein, "das schönste im ganzen Haus, und der kleine braune Herr - ebenfalls ein hochverehrter Gast - kann sich Euch dort anschließen."
Isgrimnur hatte sich gerade zu Tiamak gewandt, der anscheinen ungeschickt versuchte, sich unter den Decken etwas anzuziehen, als die Innertür der Herberge aufgestoßen wurde und eine Horde von Kindern herausstürzte. Sie brüllten wie Thriting-Männer auf dem Kriegspfad. Hinter ihnen kam ein großer, weißhaariger alter Mann, der von einem Ohr zu anderen grinste und so tat, als jage er sie. Vor Vergnügen kreischend flohen sie vor ihm und rannen durch die Tür, die zum Dock hinausführte. Bevor er sie weiterverfolgen konnte, trat ihm mit in die Hüfte gestemmten Fäusten die Wirtin entgegen.
Verfluchter, einfältiger Esel! Ceallio, du sollst doch auf die Tür aufpassen!" Der alte Mann, wenngleich erheblich größer als sie, duckte sich, als erwarte er einen Schlag. "Ich weiß, dass du nicht klar im Kopf bist, aber du bist doch nicht taub! Hast du nicht gehört, dass es an der Tür geklopft hat?"
Der alte Mann stöhnte wortlos. Die Wirtin drehte sich angewidert um "Strohdumm ist der Kerl", begann sie und hielt mit weit aufgerissenen Augen inne, als Isgrimnur auf die Knie fiel.
Dem Herzog kam es vor, als kippe seine Welt, von einer Riesenfaust gehoben, langsam aus den Angeln. Es dauerte lange, ehe er ein Wort hervorbrachte. Die Wirtin, der kleine Wranna und der alte Türhüter betrachteten ihn mit unterschiedlich starker, unbehaglicher Faszination. Als Isgrimnur endlich sprach, war es der alte Mann, den er anredete...

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